10.10.2016

Westafrikas zäher Kampf gegen die Piraterie

Die kriminellen Organisationen, die die Schiffe in Küstennähe angreifen, haben es auf die Gas und Ölvorräte an Bord abgesehen. Ein internationaler Gipfel sucht in diesen Tagen nach Lösungen für mehr Sicherheit auf See.

Die Überfälle laufen immer gleich ab: In kleinen Jollen oder Schnellbooten schwärmen die Piraten meist nachts oder in den frühen Morgenstunden von einem größeren Schiff aus. Schwer bewaffnet attackieren und entern sie Tanker und Frachter vor der westafrikanischen Küste. Während das Phänomen der Piraterie in Somalia in den vergangenen Jahren bekämpft wurde und signifikant abgenommen hat, haben sich die Anrainerstatten im Golf von Guinea wie Togo, Benin und Nigeria zum neuen afrikanischen Zentrum der Piraterie entwickelt. Mehr als 205 Überfälle durch Piraten im Golf von Guinea in den vergangenen elf Jahren registrierte das Londoner "International Maritime Bureau", eine Abteilung der Internationalen Handelskammer.

Ein Gipfel der Afrikanischen Union, der vom 10. bis 15. Oktober in Togos Hauptstadt Lomé stattfindet, befasst sich mit weit gefächerten Themen rund um die maritime Sicherheit, sagt Togos Außenminister Robert Dussey im Interview mit der Deutschen Welle: "Auf dem Gipfel wollen wir über Piraterie, illegale Fischerei und Menschenhandel sprechen und welche Rolle das Meer für die afrikanische Entwicklung hat."

Keine Fische, keine Arbeit

Denn diese Phänomene sind alle miteinander verbunden, weiß Holger Grimm von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Afrika erwirtschafte mehr als 90 Prozent seiner Einnahmen durch den Export von Produkten über das Meer, berichtet der Wissenschaftler, der in Senegals Hauptstadt Dakar ein regionales Friedens- und Sicherheitsprojekt leitet. Durch illegale Fischerei und Überfischung durch internationale und nationale Fischerei-Unternehmen aber verlören am Golf von Guinea viele Küstenbewohner ihren Job. Denn in Küstennähe gebe es mittlerweile außer kleinen Fischen kaum noch etwas zu fangen.

Für kriminelle Organisationen wie Waffen-, und Drogenhändler oder eben Piraten ist es dann ein leichtes, die arbeitslosen, meist jungen Menschen anzuwerben. "In vielen Ländern der Region sind die Geburtenraten sehr hoch. Gleichzeitig gibt es viel zu wenig Arbeitsplätze, um dem demographischen Wachstum Herr zu werden", sagt Grimm.

Kein Geld und mangelnde Kommunikation

Gisela Viera von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation, einer Einrichtung der Vereinten Nationen, sieht noch mehr Gründe, warum das Problem mit Piraterie an der westafrikanischen Küste bisher nicht kleiner geworden ist: "Die Ursachen sind vielfältig: Korruption spielt eine Rolle, fehlende Kommunikation und Koordination. Außerdem fehlen die finanziellen Mittel für den Kampf gegen die Piraterie."

Der internationale Gipfel in Lomé will für all das nun Lösungen entwickeln. Das Treffen der afrikanischen Regierungsvertreter ist eine Folgeveranstaltung auf einen Gipfel zur maritimen Sicherheit, der 2013 in Yaoundé in Kamerun abgehalten wurde. "Leider ist in Folge des Yaoundé-Gipfels konkret wenig passiert", sagt Holger Grimm. Zwar sei ein Koordinationszentrum in Yaoundé gegründet worden, das Strategien für mehr maritime Sicherheit entwickeln und Lösungen koordinieren sollte. Aber die finanziellen Mittel fehlten, keiner habe sich verantwortlich gefühlt, und es sei schlichtweg zu wenig miteinander geredet worden.

In Lomé gibt es nun konkretere Pläne: Ziel des Gipfels ist es, eine Charta zur maritimen Sicherheit zu entwerfen und zu unterschreiben, so der Wissenschaftler. "Man möchte mit dieser Charta eine Entscheidung formulieren, aus der ganz konkrete Handlungen ableitbar sind, die auch umsetzbar, anwendbar und messbar sind." Darüber hinaus sei geplant, ein Komitee einzurichten, das analog zur EU oder zur Afrikanischen Union Entscheidungen treffen und die Charta umsetzen soll.

Wichtig sei für Afrika auch Unterstützung aus dem Ausland, sagt Grimm. Organisierte Kriminalität werde immer professioneller, die digitalen Möglichkeiten immer undurchsichtiger. Hier könne Afrika logistische Hilfe gebrauchen. Gleichzeitig wäre es falsch, nun alles externen Organisationen zu überlassen. Idealerweise, so der Wissenschaftler, sollten künftig mehr multinationale Ansätze und sinnvolle Kooperationen angestrebt werden. 

Auteur: Leonore Kratz, Kossivi Tiassou

Friedrich-Ebert-Stiftung
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